πάντα ῥεῖ – Alles fließt.

Über eine Branche im Wandel

Netzwerk-Einerlei statt Visionen-Schmiede

Posted on | Juli 22, 2014 | by Hanna Hartberger | 2 Comments

Unspektakulär. Ganz nett, aber trotz vieler junger Leute auf einem Fleck fast gänzlich ohne Visionen. Ein Fazit des Jahrestreffens der Jungen Verlagsmenschen in Berlin.

Das war mein erstes Jahrestreffen der Jungen Verlagsmenschen (JVM). Trotz drei Jahren Mitgliedschaft (oder schon länger?) habe ich es bis dato noch nie auf ein Jahrestreffen geschafft. Zum einen, weil ich relativ lange kein Interesse wegen nicht vorhandener Wahrnehmung der überregionalen Vereinsarbeit hatte, zum anderen, weil ich mich immer gefragt habe, ob sich eine längere Fahrt für einen Tag Jahrestreffen lohnt. (Zum Hintergrund: Mein “Heimatverein” Amnesty International diskutiert bei seiner Jahresversammlung zwei bis drei Tage intensiv und basisdemokratisch alle wichtigen Themen durch. Daher fand ich einen Tag – zur Hälfte sowieso Workshop – inhaltlich einfach extrem knapp bemessen. Und nur zum Netzwerken brauche ich kein Jahrestreffen.) Wie dem auch sei: Die Neugier hat gesiegt.

Bild einer der Folien der Präsentation

Schatzmeisterin Lena Augustin erklärt anhand von Strichmännchen, wie ein Verein funktioniert

Um kurz mal chronologisch zu berichten:

  • Los ging es mit der Satzungsänderung. Hier muss man die unterhaltsame und trotzdem informative Einführung von Schatzmeisterin Lena Augustin in die Funktionsweisen eines Vereins lobend hervorherben. Coole Neuerung in der Satzung: Es können Ehrenmitglieder ernannt werden. Neben Michael Hammerer, der dafür bereits im Gespräch ist, möchte ich an dieser Stelle auch Sascha Lobo vorschlagen.
  • Dann gab es Wahlen – leider ziemlich chaotisch, zum Glück sind fürs nächste Jahr geheime Wahlen geplant. Besonderes “Schmankerl”: Dennis Schmolk, die andere Hälfte dieses netten Blogs, ist zum 2. Vorstand gewählt worden.
  • Da heutzutage keine Konferenz mehr ohne Key-Note auskommt, hatten wir natürlich auch eine. Markus Kühn von FluxFM erzählte uns von Markenkraft. Mitgenommen habe ich: Einfach sein. Treu bleiben. Nachhaltigkeit im Sinne von Werteversprechen ernst nehmen. Und ansonsten nonkonform, ehrlich, konsistent sein und auf keinen Fall etwas auf Marktforschung geben.
  • Anschließend gab es eine Reihe von Workshops; ich war mit meinem zum Thema Crowdfunding nicht ganz zufrieden, aber das lag zum Teil auch daran, dass es einen kurzfristigen Referentenwechsel gab und ich schon relativ viel Vorwissen zu diesem Thema hatte.
  • Unterhaltungsprogramm gab’s auch, und zwar in Person des Poetry-Slammers Paul Gilius. Leider schlugen da dann auch bei mir, die relativ lange durchgehalten hatte, die Auswirkungen der fehlenden Klima-Anlage zu, so dass ich zu diesem Punkt eher wenig sagen kann.
Gemütliches Draußen-sitzen

Es gab tolle Sponsoren-Liegestühle :)

  • Zum Abschluss gab’s Gegrilltes (an dieser Stelle großes Lob ans Orga-Team, das einen extrem guten Caterer gefunden und auch sonst ziemlich gute Arbeit geleistet hat) und wer wollte, konnte noch weitergehen in Richtung Kneipe.

Leider hat sich meine Skepsis in einigen Punkten bewahrheitet: Die Zeit, um reine JVM-Themen zu besprechen, war viel zu gering kalkuliert. Zwar nahm die Änderung der Satzung (zurecht!) relativ viel Raum in Anspruch, was nicht jedes Jahr der Fall ist, doch dadurch wurde an allen anderen wichtigen Themen geknappt: den Berichten aus den Städtegruppen, dem Ausblick und den Wünschen, Fragen und Anregungen der Teilnehmer. Was vom Zeitplan her verständlich ist, aber eigentlich nicht sein darf.

Denn 1.: Wie soll ein Vorstand vernünftig arbeiten, wenn er die Wünsche der anderen Vereinsmitglieder nur aus lockeren Gesprächen in der Kaffeepause oder in der Kneipe kennt? Und 2. hat sich damit ein großer Mehrwert, den ich mir durch die Teilnahme erhofft hatte – nämlich überregionalen Einblick in die JVM-Arbeit und Infos, was in den anderen Städten läuft – in Luft aufgelöst. Netzwerken kann ich in München quasi jederzeit und Workshops besuchen auch, dafür brauche ich kein Jahrestreffen mit 6-stündiger Anfahrt.

Ich finde es wichtig, dass sich eine Organisation hinterfragt. Dass sie regelmäßig zurückblickt und resümiert, aber natürlich auch überlegt, wie sie sich in Zukunft verhalten soll. Ein Jahrestreffen ist eine gute Gelegenheit, um sich in einer großen Runde darüber auszutauschen, wer man als Verein ist und was sich die Mitglieder wünschen und erhoffen. Das stärkt außerdem das Gruppengefühl und die Verbundenheit mit dem Verein selbst. Die Veranstaltung hätte meinem Gefühl nach auch jede andere x-beliebige Branchenveranstaltung sein können: Nette Menschen, größtenteils weiblich, man plaudert ein bisschen und tauscht sich aus.

Dadurch, dass dieser besagte JVM-Teil gestrichen wurde, kam mein Gesamtbild “Unspektakulär” zustande. Ich bin sicher, dass bei einer Ausblick- und Wünsche-Diskussion herausgekommen wäre, was die jungen Verlagsmenschen beschäftigt: Ob wir uns zum Beispiel in Junge Publishingmenschen umbenennen sollten, weil ein immer größerer Teil unserer Mitglieder gar nicht mehr in klassischen Verlagen arbeitet, ob wir zum Thema Mindestlohn bei Volontariaten Stellung nehmen wollen und sollen (ich finde: ja!), oder ob es Themen gibt, die bislang noch niemand auf dem Schirm hatte. Ob Löhne, Weiterbildungen, Arbeitszeitmodelle oder was auch immer – ein Jahrestreffen muss der Ort sein, wo man sich für die Zukunft aufstellt. Und damit auch ein Ort für Visionen. Die haben hier gefehlt.

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Selfpublishing! Chancen und Herausforderungen …: Veranstaltungshinweis

Posted on | Juli 4, 2014 | by Dennis Schmolk | No Comments

Heute in einer Woche sitze ich zusammen mit Gunnar Siewert und Jennifer Jäger auf dem Podium einer Diskussionsrunde in München. Wermutstropfen: Für Nicht-Mitglieder bei JVM, Bücherfrauen und Autorinnenvereinigung kostet das Ganze Eintritt. Alle Infos in diesem Flyer.

11. Juli 2014 – 19:30

Selfpublishing!
Chancen und Herausforderungen für Verlage, Autor/innen und Medienmacher/innen

BücherFrauen – Women in Publishing e.V., Junge Verlagsmenschen e.V. und Autorinnenvereinigung e.V. laden ein:

Podiumsdiskussion am Freitag, 11. Juli, 19:30 Uhr
Giesinger Kulturbahnhof, Giesinger Bahnhofsplatz 1, München

Moderation: Sylvia Rein, selbstständige Producerin und Städtesprecherin der BücherFrauen München

Selbst bestimmen, wann ich wo was schreiben, veröffentlichen, lesen, kaufen und empfehlen möchte! Selfpublishing in digitaler Form nimmt rasant zu, hat in der Buchbranche bereits viel verändert, wird noch viel verändern. Wie gut oder schlecht ist das für die Beteiligten, also für Autorinnen, Leser/innen, Verlage, Agenturen, festangestellte wie freie Mitarbeiter/innen und den Buchhandel? Wer reagiert wie darauf – und wer agiert? Wir befragen die Indie-Autorin Jennifer Jäger, den Geschäftsführer und Gründer des Selfpublishing-Service BookRix, Gunnar Siewert, und Dennis Schmolk, Portalmanager beim Egmont-Verlag für die Autoren-Leser-Plattform LYX Storyboard – und natürlich das Publikum sowie Panel-Gäste aus Verlagen, Agenturen und anderen Bereichen der Branche. Wir sprechen über das neue Schreiben, Produzieren und Veröffentlichen sowie über neue Strategien, Arbeitsfelder und Qualifikationen.

Und nicht zuletzt über die brennende Frage: Brauchen Autoren eigentlich keine Verlage mehr oder aber: Rettet Selfpublishing gar die Verlage?

Vorab ein paar Zitate der Podiumsgäste zum Thema:

Jennifer Jäger, Indie-Autorin: „Ich denke, dass jeder Autor seinen eigenen Weg finden muss; ob Verlag, AgentIn oder Selfpublishing – letztendlich ist alles eine Typfrage. Wer sich nicht gerne vermarktet, sollte unbedingt zu einem Verlag gehen, der seine Autorinnen in dieser Hinsicht unterstützt. Wer nicht verhandeln kann oder will, braucht einen Agenten. Und wer gerne alles selbst bestimmt, für den ist Selfpublishing genau richtig.“

Gunnar Siewert, Geschäftsführer von BookRix: „Der größte Vorteil von BookRix ist das Selbstverständnis als Dienstleister für Autoren – konkreter: für alle Autoren. Es wäre falsch zu sagen, dass bei uns keine Selektion stattfindet, doch das wichtigste Wort in diesem Selektionsprozess spricht unsere Lesercommunity. Für uns hat das im Gegenzug den Vorteil, dass wir auf das Gespür der Leser zurückgreifen können, wenn wir in einen Titel mehr Arbeit investieren.“

Dennis Schmolk, Portalmanager LYX Storyboard: „Selfpublishing ist das, was man neudeutsch als ‚disruptive Entwicklung‘ bezeichnet und es stellt vieles in Frage, insbesondere festgefahrene Strukturen und tradierte Workflows. Selfpublishing kann man aus Verlagssicht als Problem betrachten – oder als Chance. Beide Perspektiven sind begründet und begründbar. Die Frage ist: Wie gehen wir mit dem Geist um, der die Flasche verlassen hat?“

Eintritt für Mitglieder der o.g. Verbände frei, sonst: 8 Euro (ermäßigt 4 Euro)
Fragen und Informationen an/bei: Sylvia Rein, Städtesprecherin BücherFrauen Tel. 0173 584 63 15

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Warnhinweise auf Literatur – warum langfristig die Falschen leiden

Posted on | Juni 25, 2014 | by Hanna Hartberger | 1 Comment

Als ich anfangs die Meldung las, dass es in den USA Überlegungen zu Warnhinweisen auf Literatur gibt, war ich als eine der wenigen in meinem Umfeld nicht erschrocken und abwehrend, sondern ziemlich angetan. Dank der Gedanken von Barbara sehe ich das Thema jetzt etwas differenzierter und möchte sie euch daher nicht vorenthalten.

Foto von Barbara Hiller

© markusreuterphotography

Studenten in den USA plädieren für Warnhinweise auf Literatur. Im Ernst? Im Ernst. Bestimmte Inhalte, heißt es, könnten für bestimmte Menschen im Zusammenhang mit von ihnen durchlebten Traumata schädlich sein. So könnte die Szene einer Vergewaltigung z.B. bei Opfern sexuellen Missbrauchs zu einer posttraumatischen Belastungsstörung beitragen. Dabei ist die Definition der potenziell Betroffenen weit gefasst: Kriegsveteranen und Suizidgefährdete gehören dazu sowie Diskriminierte aller nur denkbaren Kategorien, vom Antisemitismus bis hin zur körperlichen Behinderung. So weit, so gut gemeint.

Hier lauert allerdings schon das erste Problem: Das sind ganz schön viele Kriterien, nach denen Unterrichtsmaterialien durchforstet werden müssten, und ganz schön vage. Denn ab wann sind Inhalte verstörend? Nicht nur zwischen Betroffenheitsgruppen, auch zwischen Individuen dürfte es hier deutliche Unterschiede geben. Die Menschen, von denen die Markierung verlangt wird, in diesem Fall also die Lehrbeauftragten von Universitäten, stünden so vor einer kaum bewältigbaren Aufgabe. Selbst wenn nach bestem Wissen und Gewissen ausgeführt, könnte immer noch ein Student eine Textstelle finden, die ihn persönlich verstört. Und dann? Würde er den Professor beim Rektor anzeigen, ihn vielleicht sogar verklagen? Kein Stoff wäre mehr „sicher“, selbst die Diskussionen im Unterricht müsste ein Dozent vorsichtig moderieren, einschränken, abwürgen. Die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlich brisanten Themen, die schließlich zur Kernaufgabe einer Universität gehört, wäre in so einem Klima nicht mehr möglich.

Aber nehmen wir an, ein Markierungssystem wäre tatsächlich für alle Varianten der Betroffenheit umsetzbar – welche Folgen hätte es? In erster Linie, ja, der Vergewaltigte könnte potenziell retraumatisierendem Stoff entgehen, die Suizidgefährdete sich vor, na ja … Weiterer Haken: Sie könnten sich auch gezielt Inspiration für ihr Vorhaben suchen. Davon aber mal abgesehen, nehmen wir an, die Markierungen hätten den gewünschten Effekt und die Betroffenen wären vor erschreckenden Erlebnissen sicher. Problem zwei also: Die Vorsicht der Dozenten, keinen falschen Schritt zu machen, würde auf Dauer dazu führen, dass bestimmte Themen nicht mehr so intensiv diskutiert würden. Dadurch würde die Scheu vor solchen Diskussionen zunehmen, und wäre der Teufelskreis erst einmal in Bewegung und die Warnhinweise nicht nur an der Uni eingeführt, würden sich vielleicht auch die Autoren bzw. deren Verlage gut überlegen, ob bestimmte Stoffe das abschreckende Label noch wert wären – Vergewaltigung innerhalb der Familie, das will doch heute keiner mehr lesen! Ein Geschichtsbuch zum Ersten Weltkrieg – versuchen Sie’s doch mal beim Konkurrenzverlag!

Und was würde das für Betroffene bedeuten? Ganz klar: eine geringere Wahrnehmung ihres Problems, dadurch weniger Aktivität zu dessen Beseitigung und gleichzeitig eingeschränkte Möglichkeiten, sich selbst damit auseinanderzusetzen, darüber zu sprechen, Hilfe zu holen. Langfristig hätten Warnhinweise der vorgeschlagenen Art also vor allem für die Betroffenen eine negative Auswirkung. Die einzigen, die wirklich davon profitieren würden, wären konfrontationsscheue Menschen, die sich aus Bequemlichkeit lieber in rosa Watte einwickeln als sich einzugestehen, dass diese Welt auch ihre unschönen Seiten hat und man – Achtung, Aufwand! – dagegen vielleicht sogar etwas unternehmen kann.

Barbara Hiller hat bei Dorling Kindersley ein Volontariat als Kinder- und Jugendbuchlektorin absolviert und ist nun auf Jobsuche. Sie bloggt auf www.schreibstoff.com, schreibt Artikel für die Zeitschrift Spotlight und liest gerade Wunder von Raquel J. Palacio. 

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Back to my roots – oder: Schuster, bleib doch bei deinen Leisten! [Metamorphosen]

Posted on | Mai 20, 2014 | by Hanna Hartberger | No Comments

Metamorphosen ist eine Artikelreihe, in der Erfahrungsberichte von Menschen erscheinen, die die Branche gewechselt haben – entweder in die Buchbranche oder aus ihr weg.

Andre-PleintingerWie hat alles angefangen? Nun ja. Bei mir schon vor etwas längerer Zeit. Um genau zu sein im Jahre 2005 – nämlich mit einem Volontariat im geisteswissenschaftlichen Fachverlag Martin Meidenbauer. Ich unterbrach mein Germanistik- und Politikwissenschaftsstudium im beschaulichen Regensburg, um die Verlagsstadt München zu erobern! Gleich vorweg: Es war die richtige Entscheidung, mein Studium zu diesem Zweck auszusetzen.
Ich erlernte also das „Verlagshandwerk“ in einem sehr überschaubaren Team und begleitete von Anfang an Buchprojekte durch Lektorat und Herstellung. Ebenso war ich für die Kommunikation mit den Herausgebern und Autoren verantwortlich. Aber von wegen Texte redigieren und Korrekturlesen im stillen Kämmerlein! Schon damals war mehr der Projektmanager in mir gefragt. Früh übt sich! Das war übrigens die Zeit, wo sich Verlagsgranden und graue Eminenzen auf den Abendveranstaltungen der Buchmessen die Klinke in die Hand gaben. Dementsprechend war das Thema Digitalisierung in der Buchbranche noch eher ein Randthema.
Nach Beendigung meines ach so glorreichen geisteswissenschaftlichen Studiums mit leicht wirtschaftlichem Einschlag (ja, ein Semester Business Communication im Ausland war auch dabei) war ich offiziell bereit für den beruflichen Einstieg in die Verlagswelt… Denkste! Erst einmal überraschte mich mein Boss mit dem Plan, eine Online-Fitness-Community als zweites Standbein für den Verlag aufzubauen. Na gut, wenn’s sein muss… Nicht gerade überzeugt vom Konzept, aber dennoch voller Elan machte ich mich an Online-Redaktion und Community-Management des Portals. Tatsächlich war das mein erster Berührungspunkt mit der digitalen Welt von studiVZ und Facebook. Und das im zarten Alter von 28 Jahren! Nicht gerade das, was man einen Digital Native nennt… Im Nachhinein: Etwas Besseres hätte mir zu diesem Zeitpunkt nicht passieren können, um mir selbst Web 2.0-Know-How anzueignen und mich gleichzeitig auf die Umwälzungen innerhalb der Buchbranche vorzubereiten.
Die Fitness-Community war leider nicht von Erfolg gekrönt, also wechselte ich alsbald in den klassischen Verlagsbereich zurück. Nachdem ich dann kurze Zeit Lektorat und Herstellung geleitet habe, wurde ich zum Programmleiter berufen. Das hört sich wahnsinnig aufregend an! Ist es auch, wenn man Freude am Leben eines Faktotums hat. Und das hatte und habe ich. Von der Akquise neuer Autoren, Vertragsverhandlungen, Buchkalkulationen, Online-Marketing, Social Media-Kampagnen, eBook-Vertrieb, Website-Relaunch bis zu neuen Geschäftsmodellen wie Print-on-Demand… Das alles landete auf dem eigenen Schreibtisch und das meist mehrmals pro Tag. Spätestens hier merkte ich, dass Social Skills wie Flexibilität, Belastbarkeit, lebenslange Lernbereitschaft und eine schnelle Auffassungsgabe keine leeren Worthülsen im Verlagsgeschäft sind. Eine geile Zeit, in der die jungen Wilden in den Verlagen durchstarteten. Die komplette Kommunikation änderte sich! Die Branche begann sich zu vernetzen, sich gegenseitig zu unterstützen, die Geheimniskrämerei und das Konkurrenzdenken ad acta zu legen; ich war ein Teil davon!
Ende 2011 ging das Programm des Martin Meidenbauer Verlags im Peter Lang Verlag auf. Ein schwerer Abschied – den Verlag hatte ich ein gutes Stück weit mit aufgebaut. Aber was soll’s! Wie heißt es so schön: Hinfallen – Aufstehen – Krone richten – Weitergehen. Und so landete ich wieder an der Uni, aber dieses Mal auf der anderen Seite des Pults. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Buchwissenschaft der FAU Erlangen-Nürnberg dozierte ich über Typografische Grundlagen, Desktop Publishing, Buchwirtschaft und Eventmanagement (Faktotum, 2. Teil). Nebenbei schrie ein neuer Masterstudiengang im Bereich elektronisches Publizieren und digitale Märkte nach Verwirklichung. Eine spannende Zeit, in der ich meine in der Praxis erworbenen Kenntnisse theoretisch unterfüttern konnte. Eine Zeit, die ich besonders wegen der Arbeit mit den Studierenden nicht missen möchte.
Aber da! Plötzlich eine Chance, etwas Neues, etwas Anderes, etwas außerhalb der Buchbranche kennenzulernen. Und das in meinem Alter! Ich wechselte in die Welt des schnöden Lobbyismus, um mich in der Öffentlichkeitsarbeit eines Verbandes zu versuchen. Energiepolitik und Emissionshandel sollten künftig meine Themen sein. Jetzt aufgepasst: Wer glaubt, dass Börsenverein, Verlage und Co. ein einziger konservativer Haufen seien, sollte sich nur einmal in eine Energie-Ausschusssitzung des Hauses der Bayerischen Wirtschaft setzen. Kurz und gut: Mein Ausflug in die Verbandswelt war von kurzer Dauer. Mir fehlte mein Netzwerk, mir fehlten die üblichen Verdächtigen, die man jedes Jahr wieder in Frankfurt und Leipzig trifft, mir fehlte die Arbeit im Verlag.
Zunächst folgte eine Weiterbildung zum Presse- und Öffentlichkeitsreferenten an der Journalistenakademie München – mit einer Truppe, die es verstand, mein lädiertes Selbstbewusstsein wieder aufzubauen. (Dankeschön an dieser Stelle an mein großartiges Team und die Mannschaft der Journalistenakademie! Sorry Leute, aber so viel Zeit muss sein).
Dann – nach viel zu langer Abstinenz – das Comeback in der Verlagswelt! Der Riese Elsevier ruft und ich folge dem Ruf. Aktuell befinde ich mich in der dritten Woche als Content Manager im Team Content Clinical Solutions. Ja genau, willkommen in einem internationalen Unternehmen! Englisches Neudeutsch gehört hier zum guten Ton. Ich habe mich immer gefragt: „Konzern. Kann ich das?“ Bis jetzt kann ich fröhlichen Gemüts sagen: „Ja, das kann ich!“ Spannende Aufgaben und Projekte, entspannte Atmosphäre und Kollegen, intensive Einarbeitungsphase mit einem Mentor, volle Integration und Anerkennung durch einen tollen Chef. Was will man mehr? Ich habe das Gefühl, dass meine Expertise gefragt ist und dass man mir aufmerksam zuhört. Für jetzt, so scheint es, bin ich angekommen.

Fazit: Bleibt offen für Neues, verschließt Euch vor nichts, nehmt auch schlechte Erfahrungen an und lernt daraus und vor allem: Netzwerkt und kommuniziert miteinander! So profitieren und lernen wir alle voneinander. Frei nach dem Motto des Elsevier Verlags: Non solus!

André Pleintinger hat Germanistik, Politikwissenschaft, Indogermanische Sprachwissenschaft und Business Communication studiert. Er begann seine berufliche Karriere als Volontär beim Martin Meidenbauer Verlag, arbeitete als Online-Redakteur einer Fitness-Community, als Lektor und Hersteller und Programmleiter bei Meidenbauer sowie als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Buchwissenschaft der FAU Erlangen-Nürnberg. Nach einem Ausflug als Referent für Energiepolitik in die Öffentlichkeitsarbeit eines Verbands kehrte er in die geliebte Verlagsbranche zurück. Er arbeitet heute als Content Strategist beim STM-Verlag Elsevier in München.

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Storyseller: Arte erzählt eine eigenwillige Geschichte

Posted on | April 23, 2014 | by Hanna Hartberger | No Comments

Ich weiß nicht sicher, ob ich diesen Artikel schreiben will. Es geht um ein Thema, zu dem schon unendlich viel gesagt wurde, aber ich komme trotzdem immer wieder an den Punkt, an dem ich die Welt nicht mehr verstehe. Ich rede vom Arte-Film “Storyseller – Wie Amazon den Buchmarkt aufmischt”. Dieser in weiten Teilen wirklich gute Beitrag landet beim altbekannten Fazit, dass es die Verlage braucht, weil es ansonsten keine “gute” (im Sinne von hochwertige, sperrige) Literatur gibt. Also das Argument der literarischen Vielfalt, dem ich in Bezug auf Buchhandlungen auch jederzeit zustimme, nur nicht in Bezug auf Verlage.

(c) arte.tv

Kann mir jemand erklären, warum wir schon wieder bei dieser alten Diskussion gelandet sind, dass es ohne Verlage kein Kulturgut Buch gibt? In einer der Facebook-Diskussionen zu diesem Thema ging es darum, dass die Self Publisher bei Amazon vor allem das Groschenroman-Genre abdecken, das heute in der ursprünglichen Form sowieso nur noch in geringem Rahmen existiert. Aber warum verdient dann Jürgen Schulze so viel Geld mit der Publikation von Klassikern als E-Book?

Was mich extrem stört, ist die angenommene Verdummung des Lesers. Wenn es nicht die guten tapferen Verlage gibt, die ihm gute Literatur auf dem Silbertablett servieren, kann dieser gar nicht mehr anders, als nur schlechte und seichte Literatur zu kaufen und zu konsumieren. Was für ein Mist! So viel fragwürdige Sachen Amazon auch macht, das Unternehmen hält keine Self Publisher davon ab, hochwertige E-Books hochzuladen. Daher gibt es auch auf Amazon gute Literatur und kein Leser wird davon abgehalten, sich diese zu besorgen. Und natürlich geht das ein oder andere hochwertige E-Book unter (was im Print-Markt nicht anders ist), aber die wirklich guten Texte werden auch hier gelesen. Selbst wenn es jetzt einen Überhang an seichter Literatur gibt: Ist doch egal, wird sich eh wieder ändern. Wenn ich eines in meinem Literaturstudium gelernt habe, dann das, dass es zu jeder Bewegung eine Gegenbewegung gibt. Die kommt vielleicht jetzt noch nicht, weil die Leser sich mit der vielen schlechten Literatur womöglich einfach wohl fühlen. Und nicht zu dumm sind, gute Literatur herauszufiltern!

P.S.: Der Vollständigkeit halber will ich erwähnen, dass es noch weitere Kritikpunkte zu diesem Film gibt, die u.a. Johannes Haupt auf lesen.net und Emily Bold (eine der porträtierten Self-Publishing-Autorinnen) äußern. Wer sich selbst ein Bild machen will, findet den Beitrag heute noch in der arte Mediathek. Morgen ist er dann wegen des Telemediengesetzes weg.

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Zwischen Newsfeed und Feierabendbier: 8 Strategien für Artikelideen

Posted on | April 17, 2014 | by Hanna Hartberger | No Comments

All diejenigen, die schon etwas länger am Bloggen sind, kennen wohl das Problem. Irgendwann sind alle großen Themen aufgebraucht, zur Genüge besprochen und man ist zwar nach wie vor motiviert, etwas zu schreiben, aber weiß einfach nicht, worüber. Dennis und ich haben mal wieder unsere Weisheit in einen Artikel zusammengeworfen und präsentieren hier unsere TOP 10-Strategien, um auf Artikelideen zu kommen.

  1. Auswertung: Mit entsprechenden Tools (bei uns ist es das Statistik-Modul von Jetpack) kann relativ genau ausgewertet werden, welche Artikel wie gut bei den Lesern ankommen. Eine solche Auswertung muss man weder regelmäßig machen noch mit solcher Hingabe wie im Job, aber man sollte die Ergebnisse an sich im Blick haben. Wir waren zum Beispiel anfangs noch viel allgemeiner in Richtung Medien ausgerichtet. Dass wir neben dem Buchbranchen- mittlerweile auch einen Nachwuchsfokus haben, liegt u.a. daran, dass wir gesehen haben, dass derartige Artikel bei uns gut laufen. Daher überlegen wir öfter, welche Artikel gerade für den Nachwuchs interessant sein könnten, und auch die Idee zu unserer neuen Artikelreihe Metamorphosen hat ihren Ursprung in einer solchen Auswertung. (Hanna)
  2. Blogpartner fragen: Klar, geht nur, wenn man einen hat. Wenn man aber einen hat, ist man in der ziemlich luxuriösen Lage, jemanden nach Themenideen zu fragen, der das gleiche Hintergrundwissen zum Blog und zur Ausrichtung hat wie man selbst und daher idealerweise halbwegs vernünftige Sachen vorschlägt. Vor allem da selbiger selbst ständig latent auf der Suche ist und sich Ideen auch merkt. (Hanna)
  3. Evernote – hit it hard! Der große Vorteil eines voll durchsuchbaren Zettelkastens, in den man seit Jahren Ideen (nicht nur Artikel-Ideen) packt, ist, dass man immer Inspiration findet. Mein Umgang mit Evernote besteht nicht nur darin, alles Mögliche und Unmögliche zu sammeln, sondern es auch regelmäßig wieder zu Gesicht zu bekommen. Ich versuche, täglich 5-10 alte Notizen zu sichten und mit wenigstens einer davon etwas anzufangen. Daraus entstanden einige Artikel, z.B. der Großteil von dem hier. (Dennis)
  4. News- und Bloglektüre: Gaaaanz wichtig, nicht nur wenn es um aktuelle Themen geht. Zum einen sieht man, welche Themen gerade “heiß” sind und kann überlegen, ob man ggf. auf einen fahrenden Zug aufspringen möchte. Zum anderen bekommt man als regelmäßiger Blogger auch relativ schnell ein Gefühl von “Auf den Artikel will ich antworten …!” oder “Der Artikel braucht noch eine Ergänzung!” oder “Das ist ein Thema, das man auch mal aus dieser Sicht beleuchten sollte …”. Kurz: Wenn man (gute) Blogs und Newsseiten liest, gibt’s Inspiration quasi auf dem Silbertablett. (Hanna)
  5. Reblogs, Link-Hinweise und Lesebefehle: Ab und an fehlt die Zeit, zu bloggen, aber es kommen dennoch diverse gute Sachen rein. Die wandern dann in Übersichtsartikel – das tritt zwar Traffic ab, aber immerhin sind die Leser versorgt. Und Social Media soll ja social sein. (Dennis)
  6. Ideenlisten führen: Die tollsten Ideen bringen nichts, wenn man sie am nächsten Tag vergessen hat. Oder in einem halben Jahr. Dabei gibt es viele Ideen, deren Zeit zwar noch nicht gekommen ist, die aber nichtsdestotrotz gut sind. Und die es wert sind, dass man sie sammelt und eine kleine Ewigkeit später doch noch umsetzt. Schon allein, weil man durchs Sammeln von Ideen neue Ideen bekommt. Ob Notizbuch oder – wie in unserem Fall – Evernote, diese Listen sind Gold wert! Auch dann, wenn man gerade mal wieder auf der Suche nach einem Thema ist ;-). (Hanna)
  7. Zuhören: Junge Verlagsmenschen, Pub’n’Pub, Branchentreffen dienen immer auch der Artikelrecherche, der Ideensammlung oder dem Einwerben von Gastartikeln und Interviews. Und einen Brotjob hat man als Blogger ja vor allem deswegen, um sich von Kollegen inspirieren zu lassen … (Dennis)
  8. Offen sein: Unsere gesamte Kategorie zu “Second Life” (sowie eine geplante SL-Diskussionsrunde im Mai) wäre nicht zu Stande gekommen,  hätte ich mich nicht von einigen Enthusiasten anstecken lassen. (Dennis)
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Keine Kompromisse [Metamorphosen]

Posted on | April 3, 2014 | by Hanna Hartberger | 2 Comments

Metamorphosen ist eine Artikelreihe, in der Erfahrungsberichte von Menschen erscheinen, die die Branche gewechselt haben – entweder in die Buchbranche oder aus ihr weg.

farbe.191493.jpg.244192Heute stelle ich selber PraktikantInnen und WerkstudentInnen mit ein. Das sind, da ich mittlerweile von der Buchbranche in die Marktforschung gewechselt habe, häufig auch WirtschaftswissenschaftlerInnen. Der Unterschied zu meinen eigenen Erfahrungen als Buchwissenschaftlerin sind ganz klar die Gehaltsverhandlungen. Ein sechsmonatiges Praktikum für lau? Eine schlecht bezahlte Aushilfsstelle aus idealistischen Gründen? Dann könnten wir unsere Charts ganz schnell wieder selber klopfen. Zu diesen Bedingungen, die für die Buchbranche ja so selbstverständlich sind, müssten wir lange nach einer fähigen Aushilfe suchen.

Der Punkt, der mich daran immer gestört hat, ist nicht die schlechte oder nicht existente Bezahlung an sich, obwohl es weiß Gott nicht einfach ist, als Student von 160 Euro Kindergeld im Monat zu leben. Der Punkt ist die Wertschätzung, die man als Arbeitgeber seinen Mitarbeitern durch eine zumindest angemessene Bezahlung entgegenbringt. Dieses Gefühl der Wertschätzung und des Vertrauens, Aufgaben auch selbstständig zu erledigen, trägt für mich persönlich einen wichtigen Teil zur Zufriedenheit mit meiner Arbeit bei. Dieses Gefühl hatte ich bei meinem Job in einer Fachbuchhandlung neben dem Studium und genau diesen Anspruch wollte ich auch an meinen Vollzeitjob stellen.

Ich bereue es nicht, Buchwissenschaft oder Geisteswissenschaften an sich studiert zu haben. Im Gegenteil! Man lernt fürs Leben, das war schon immer mein Ansatz, und ich glaube, dass mir viele Soft und auch einige Hard Skills, die ich mir während meines Studiums angeeignet habe, auch heute noch sehr hilfreich sind. Bei meinem jetzigen Job bin ich zum Beispiel eine gefragte Ansprechpartnerin, was die Endabnahme aller Art von Schriftstücken anbelangt. Mein Studium hat mich eben auch den Blick fürs Detail gelehrt.

In meiner Zeit als Volontärin bei einem internationalen Sachbuchverlag konnte ich mir ebenfalls einige Fähigkeiten aneignen, die ich auch heute noch täglich anwende. Allerdings beschränken sich diese Fähigkeiten auf das Stichwort Bürokommunikation. Und Excel-Tabellen zu formatieren und Serienbriefe zu schreiben − das hätte ich wohl auch in jedem anderen Bürojob lernen können.

Damit wir uns nicht falsch verstehen, mein Herz hängt immer noch an der Buchbranche, aber ich genieße mittlerweile den Blickwinkel einer Außenstehenden. Persönlich bin ich sehr zufrieden mit meiner Entscheidung, die Branche gewechselt zu haben, auch wenn ich an meine zahlreichen Studienfreunde denke, die mit um die 30 immer noch Fernbeziehungen führen und ständig Kompromisse eingehen müssen. Ich bin einfach nicht der Typ für Kompromisse.

Simone Klebes hat Buchwissenschaft, Anglistik und Spanisch in Erlangen studiert. Nach einem einjährigen Volontariat bei einem internationalen Sachbuchverlag und einem kurzen Abstecher in die Spielwarenbranche hat sie eigentlich nur das Medium gewechselt − vom Buch zum Radio. Sie arbeitet heute bei einem international tätigen Marktforschungs- und Beratungsunternehmen mit Spezialisierung auf die Radiobranche.

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Der Sprung ins kalte Wasser. Mein Abschied von der Buchbranche [Metamorphosen]

Posted on | März 25, 2014 | by Hanna Hartberger | 2 Comments

Metamorphosen ist eine Artikelreihe, in der Erfahrungsberichte von Menschen erscheinen, die die Branche gewechselt haben – entweder in die Buchbranche oder aus ihr weg.

Anja„Wenn Sie hier sind, nur weil Sie Bücher lieben, sind Sie definitiv falsch“, erklärte die Professorin in der Einführungsveranstaltung mit einem strengen Blick über ihren Brillenrand. Buchwissenschaft war das Fach meiner Wahl. Ganz pragmatisch hatte ich Wirtschaftswissenschaften als zweites Hauptfach gewählt. Schließlich kann ein Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge auch nach dem Uniabschluss hilfreich sein. Natürlich saß ich vor allem in diesem Saal und in dieser neuen Stadt, weil ich Bücher liebte. Weil sie mir schon in meiner Kindheit ein Tor in die Welt eröffnet haben. Weil sie die Neugier stillen und gleichzeitig tausend neue Fragen aufwerfen. Deshalb wählte ich dieses Studienfach. Als Arbeiterkind aufgewachsen, hatte ich eine wage Idee, dass es noch mehr zu wissen geben könnte. Ich ließ mich nicht beirren.

Die ersten Semester mit Nebenjob und Ach und Krach über die Runden gebracht, war es Zeit für die ersten praktischen Erfahrungen in der Branche. „Generation Praktikum“ nannten uns die Journalisten in den Medien und das nicht ohne Grund. Die Buchverlage rechneten fest mit den oftmals kostenlosen Arbeitskräften. Beim Kopieren, Faxen und Summen ziehen in Excel wurde schnell klar, dass die Arbeitswelt in der Buchbranche nicht unbedingt den bunten Reichtum der Bücherwelt im Generellen widerspiegelt. Ist es also egal, was man verkauft? Bücher oder Betriebssysteme? Große Literatur oder schnelllebige Programme? Das nächste unbezahlte Praktikum bei einem renommierten Buchverlag wollte ich mir nicht leisten. Die BAföG-Förderung erlaubte keine großen Sprünge. Und ein halbes Jahr für lau zu arbeiten wäre definitiv einer. Zudem kein schlauer, wie sich beim bezahlten IT-Praktikum schnell herausstellte. Ins kalte Wasser geworfen, lernte ich rasch schwimmen. Eigenverantwortliches Arbeiten und stetig neue Herausforderungen sind noch immer die wesentlichen Komponenten, die ein guter Job meiner Ansicht nach für mich mitbringen muss. Der Gedanke, dass die Möglichkeit, die Buchbranche zu verlassen, überhaupt besteht, war damit gesät.

Mit dem Magisterabschluss in der Tasche, gab ich dem originären Vorhaben „irgendwas mit Büchern zu machen“ noch eine Chance. Anders als in anderen Branchen gibt es in der Buchbranche ein ungeschriebenes Gesetz: Ein Universitätsabschluss befähigt nicht dazu, in einem Buchverlag zu arbeiten. Auch nicht einer in Buchwissenschaft. Anders als sogenannte Volunteers im freiwilligen Auslandsdienst starten Absolventen, die es in die Buchbranche zieht, obligatorisch als Volontäre. Das geringe Startgehalt wird erfahrungsgemäß auch später kaum steigen. Schließlich ist oft statt dem ersten erhofften Karrieresprung lediglich eine kurze Elternzeitvertretung drin.

Doch es geht nicht nur ums Geld, solange es für Miete und Strom reicht. Es geht vor allem um Entwicklungsmöglichkeiten und die Verwirklichung von Ideen. Selbst Geduldige werden nervös, wenn die Branche, wie es vor wenigen Jahren noch der Fall war, ihr Mantra vom guten alten gedruckten Buch predigt und Konzepte für Erlebnisbuchhandlungen vorlegt, während  der Kampf mit Amazon & Co. um Marktanteile am deutschen Buchmarkt längst entbrannt ist. Die rasante digitale Entwicklung der letzten Jahre liest sich wie ein guter Krimi. Immer neue technologische Möglichkeiten bieten immer neue Betrachtungsweisen und verlangen entsprechende Handlungsempfehlungen. Nicht zuletzt bieten sie vielfältige, anspruchsvolle Jobmöglichkeiten. Ich liebe Bücher nach wie vor. Gerne auch in digitaler Form. Die digitale Mediaplanung, mit der ich mich mittlerweile befasse, ist ein sich rasch wandelnder Bereich des Online-Marketings. Das Ziel ist es, die potenziellen Kunden mit einer effizienten Kombination der verschiedenen Werbekanäle für eine Marke oder ein Produkt zu begeistern statt mit schlechten Werbeanzeigen zu nerven. War es rückblickend richtig, die Branche zu wechseln? Für mich auf jeden Fall, schließlich spring ich lieber ins kalte Wasser als weiter Trockenübungen an Land zu machen.

Anja Kujasch ist Digitalplanerin bei einer weltweit agierenden Mediaagentur. Nach ihrem Studim der Wirtschaftswisschenschaften und Buchwissenschaft absolvierte sie ein Marketing-Volontariat bei einem rennomieren Ratgeberbuchverlag. Danach wechselte sie in eine Online-Marketing-Agentur. Sie ist verheiratet und wenn sie in ihrer Freizeit nicht gerade liest, gerne mit dem Mountain Bike unterwegs. [Xing]

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Ein Blogstöckchen: Mein Stapel ungelesener Bücher

Posted on | März 10, 2014 | by Dennis Schmolk | 3 Comments

Ich weiß nicht, wo das Stöckchen ursprünglich herkommt – ich wurde jedenfalls netterweise von Fabian damit beworfen. Und nun stehe ich vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe:

Zähle 5 Bücher auf, die ganz oben auf deiner Wunschliste stehen, die aber KEINE Fortsetzungen von Büchern sind, die du schon gelesen hast – sie sollen also völlig neu für dich sein. Danach tagge 8 weitere Blogger und informiere diese darüber.

Dabei fällt mir auf: Für Artikel, die sich mit Buchinhalten beschäftigen, haben wir nicht einmal Kategorien. Daher ordne ich dieses Stöckchen auch unter “Social Media” ein – eine reine Notlösung, versteht sich.

Mein SuB enthält v.a. viel Belletristik – Fach- und Sachbücher bleiben meist nicht lange ungelesen, aber Belletristik häuft sich an. Folglich findet sich auch lediglich ein Sach-Titel auf der Liste, und dieser auch nur, weil ich erst vor sehr kurzer Zeit darüber gestolpert bin.

Aber nun zu meinem Stapel ungelesener Bücher, in dramatisch absteigender Reihenfolge:

5. Robert W. Chambers – The King in Yellow

Nachdem ich dieses Interview mit dem Chambers-Experten Pulver gesehen habe, muss ich meine Bildungslücke in Bezug auf den King in Yellow dringend schließen und mir die Short-Story-Sammlung The King in Yellow zu Gemüte führen. Besonders jetzt, da uns das Staffelfinale von True Detective ins Haus steht …

4. Stephen King – Nightshift

Wiederum eine Hommage an HPL – entdeckt durch das Lovecraft eZine:

Night Shift – Short stories by Stephen King. WHAT is this book doing here, you may ask? Well, I’ll tell you. King has written several very good Lovecraftian short stories, and this book contains one of them: I Am the Doorway.

Mehr weiß ich nicht darüber, aber diese Empfehlung reicht mir.

3. Arno Schmidt – Zettels Traum

Es geht um Poe. Es geht um Zettel. Es ist irgendwie nonlinear. Ich will es lesen, seitdem ich die Erwähnung in Jörg Böckems Lass mich die Nacht überleben gelesen habe. (Das ist lange her.) Arno Schmidt war Zettelkasten-Autor, ähnlich wie Luhmann. Und: Es gibt eine von Friedrich Forssman typographierte Ausgabe. (Leider benutzte er Schmidt als Aufhänger und Lesermagnet für einen, mit Verlaub, ziemlich dummen Artikel im Suhrkamp-Logbuch, der nicht das eBook, sondern Forssman diskreditiert. Und leider äußere ich mich dazu jetzt auch noch, was ich eigentlich nicht tun wollte, weil es z.B. Zoe Beck besser getan hat.)

2. Virginia Berridge – Demons. Our changing attitudes to alcohol, tobacco, and drugs

Cover von Beat-Generation und Hippies werden regelmäßig historisch auf ihren Umgang mit Psychoaktiva untersucht – aber wie steht es mit dem prüden viktorianischen 19. Jahrhundert? Hier herrschten Opium, Haschisch und Absinth in allen Gesellschaftsschichten. Via Burks auf diesen Artikel im Daily Beast aufmerksam geworden, wanderte das Sachbuch direkt auf meinen SuB. Drogenpolitik und der gesellschaftliche Umgang mit Rauschmitteln ist immer interessant, gerade in weiträumig prohibitiven Zeiten wie unseren seit Anfang des 20. Jahrhunderts.

1. Francis Nenik – XO

CAM02873 CAM02872Lustigerweise wurde ich auf dieses Buch hier im Blog aufmerksam gemacht, vom Verleger persönlich. Eyk Henze kommentierte meinen schon recht alten Artikel über nonlineare Belletristik und machte mich auf ein nonlineares Verlagsprodukt aufmerksam: XO. Eine Loseblattsammlung (bzw. ein Zettelkasten) und damit nahe an Arno Schmidt (#3) – das musste ich haben. Ich habe noch keine Ahnung, worum es geht, und bin sowieso eher auf die Form gespannt. Mit losen Blättern durfte ich aber vor Kurzem schon Erfahrung sammeln, als ich ein Taschenbuch las, das für die Digitalisierung “zerlegt” worden war. (Danke, Sabine!)

Weiter geht’s

Und nun wird es Zeit, das Stöckchen weiterzureichen. Also los, Steffen! Du musst dich vermutlich gerade in deinen neuen Job bei readbox eingewöhnen, da ist ein wenig literarische Abwechslung gerade richtig. PS: eBooks gehen nach meinem Verständnis auch ;)

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Die diversen eBook-Menschen. Ein Bericht vom #eBookCamp München #ebcmuc

Posted on | Februar 21, 2014 | by Dennis Schmolk | 1 Comment

Sabine Hafner, Marketingassistenz bei hey! publishing, war auf dem eBookCamp in München und schildert in diesem Gastbeitrag ihre Erfahrungen.

Peter Schmidt-Meil (@derlektor) erklärt das #ebcmuc

Peter Schmid-Meil (AKEP) erklärt das #ebcmuc. Quelle: agyo.de

Vergangenen Samstag fand im Impact Hub München das erste süddeutsche eBookCamp, veranstaltet vom AKEP und vom Börsenverein Bayern, statt. Das Format stammt aus Hamburg: Dort feierte die Veranstaltung 2011 Premiere. Gestern fragte mich dann ein guter Freund, ob er etwas verpasst habe.

Ja, hat er. Und zwar:

  1. Einen wahnsinnig sonnigen Nachmittag, der die Teilnehmer in jeder freien Minute nach draußen zog, wo sie sich erzählten, dass sie sich zu warm angezogen hatten und jetzt nicht so recht wüssten, wohin mit ihren Schals und Mützen und Strickpullis.
  2. Eine unkomplizierte, wenn auch etwas kühle Location im Baustellenlook (die Schals und Mützen und Strickpullis wieder zur ihrer Berechtigung verhalf) mit drei Sessionräumen: „Halle“, „Stüberl“ und „Herberge“ (am wärmsten!), „weil es unkreativ gewesen wäre, sie einfach nur Raum 1, 2 und 3 zu nennen“, so Peter Schmid-Meil.
  3. Ein vielfältiges Publikum trotz der Spezialisierung aufs eBook: vom Epub-Versteher bis hin zum eBook-Belächler (angesichts von App- und Weblösungen), vom überzeugten Selfpublisher bis zum reinen eBook-Verleger, vom klassischen Buchhändler mit eReadern im Sortiment bis zum eBook-Onlinehändler. Alles in allem: Ein Publikum mit „erstaunlich wenig Hemmungen vor Spitzklammern“, wie eine Sessionleiterin begeistert feststellte.
  4. Das Verbindende: das Wissen darum, dass gerade etwas entsteht und wir mitten drin sind. Steffen Meier meint, dass der Baustellencharakter des Veranstaltungsortes ganz „gut zur Situation des eBooks in der Branche passte“. In der Tat. eBooks sind zwar endgültig in unserer Arbeitsrealität angekommen, fordern dort aber neue Strukturen und Rahmenbedingungen. Die befinden sich momentan alle noch im Aufbau. Das heißt, es gibt viel Spielraum für alle Beteiligten, gleichzeitig aber auch viele Umwege, Workarounds und Übergangslösungen: Die Heizung läuft nur hin und wieder. Der Teppichboden ist noch nicht verlegt – aber er liegt da schon in der Ecke, man kann sich vorstellen, wie das mal aussieht und wie …. naja, ein bisschen Fantasie braucht‘s eben. Die Gespräche waren entsprechend teils visionär, wenn es darum ging, was bald Realität sein könnte oder sollte, teils ganz konkret, wenn bestehende Alltagsfragen wie z.B. eBook-Marketing oder -pricing, die Präsentation im Buchhandel, die beruflichen Situation diskutiert wurden.
  5. Und wohl das Wichtigste, den regen Austausch, das Netzwerken untereinander (erwähnt sei hier eine der eBookCamp Regeln: konsequentes Duzen). Mit Sicherheit ist die ein oder andere Projektidee, der ein oder andere Kooperationsgedanke entstanden.

Fazit: Die ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Ansätze und Meinungen der Teilnehmer zeigen vor allem eines: Wir sollten dringend im Gespräch bleiben. Dafür bietet das eBookCamp mit seinem speziellen Fokus neben anderen Veranstaltungen einen wichtigen Rahmen. Vielleicht ist bei einer Wiederholung im nächsten Jahr die Zeit da, in das ein oder andere Thema noch intensiver einzusteigen, evtl. kleinere Diskussionsgruppen zu bilden. Die Fragestellungen sind zu spannend, als dass wir sie bei diesem Fachpublikum nur an der Oberfläche berühren sollten.

Wem das Thema eBooks unter den Nägeln brennt, hat so gesehen also etwas verpasst. Die schnell vergebenen Karten zeigen, wie viel Interesse da ist – ein weiterer guter Grund dafür, künftig zwei Camps pro Jahr durchzuführen.

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